Die ersten dreißig Minuten entscheiden über den späteren Nachweis
An der Unfallstelle geht es zuerst um Sicherheit. Direkt danach um Beweise. Was in dieser kurzen Zeit nicht festgehalten wird, lässt sich später kaum noch rekonstruieren.
Nach einem Zusammenstoß arbeitet der Kopf anders als sonst. Der Puls ist hoch, die Gedanken springen, und die Beteiligten wollen die Sache meist schnell hinter sich bringen. Genau in dieser Phase entstehen die Fehler, die später Geld kosten.
Eine feste Reihenfolge hilft. Sie sorgt dafür, dass nichts Wichtiges vergessen wird, auch wenn die Situation unübersichtlich ist.
Zuerst die Sicherheit
Schalten Sie die Warnblinkanlage ein, ziehen Sie eine Warnweste an und stellen Sie das Warndreieck in ausreichendem Abstand auf. Auf Landstraßen und Autobahnen ist der Abstand deutlich größer zu wählen als innerorts. Bringen Sie sich und Ihre Mitfahrer hinter die Leitplanke oder an den Fahrbahnrand, niemals zwischen die Fahrzeuge.
Prüfen Sie, ob jemand verletzt ist, und leisten Sie erste Hilfe. Bei Personenschäden, bei größeren Sachschäden, bei unklarer Schuldfrage oder wenn ein Beteiligter unter Alkohol oder Drogen zu stehen scheint, gehört die Polizei hinzugerufen. Auch bei Fahrerflucht und bei Beteiligung eines Fahrzeugs mit ausländischer Zulassung ist die Aufnahme sinnvoll.
Wann die Polizei nicht zwingend nötig ist
Bei einem kleinen Blechschaden, bei geklärter Schuldfrage und ohne Verletzte kann auf die Polizei verzichtet werden. Der Preis dafür ist, dass Sie die Dokumentation vollständig selbst übernehmen müssen. Wer sich dabei unsicher fühlt, ruft besser an, denn eine polizeiliche Aufnahme kostet nichts außer Zeit.
Beachten Sie außerdem, dass eine polizeiliche Aufnahme kein Urteil über die Schuld ist. Die Beamten halten fest, was sie vorfinden, und leiten gegebenenfalls ein Verfahren ein. Die zivilrechtliche Haftung klären danach die Versicherer. Wer das weiß, geht ruhiger in das Gespräch am Straßenrand und fühlt sich weniger unter Druck gesetzt.
Ein Punkt wird oft vergessen. Notieren Sie sich die Namen der aufnehmenden Beamten und das Aktenzeichen, sofern eines vergeben wird. Ohne diese Angabe ist der Vorgang später nur mit Aufwand auffindbar, und gerade bei einer strittigen Schuldfrage kann die Akte den Ausschlag geben.
Beweise sichern, solange alles noch steht
Fotografieren Sie zuerst die Gesamtsituation aus einigen Metern Entfernung, aus mehreren Richtungen und mit erkennbarer Umgebung. Verkehrszeichen, Fahrbahnmarkierungen, Ampeln und Sichtverhältnisse gehören mit aufs Bild. Diese Übersichtsaufnahmen sind für die Rekonstruktion wertvoller als jede Nahaufnahme.
Erst danach folgen die Detailaufnahmen der Beschädigungen an allen beteiligten Fahrzeugen, ergänzt um Bremsspuren, Splitterfelder und Endstellungen. Halten Sie auch Kennzeichen und Fahrzeugpapiere im Bild fest. Notieren Sie Uhrzeit, Wetter und Straßenzustand, denn diese Angaben verschwinden aus der Erinnerung schneller als gedacht.
Zeugen sind schnell wieder weg
Wenn jemand stehen geblieben ist, fragen Sie sofort nach Namen, Anschrift und Telefonnummer. Zeugen sind in der ersten Minute hilfsbereit und nach zehn Minuten verschwunden. Ohne Kontaktdaten sind sie später nicht mehr auffindbar, und bei einer strittigen Schuldfrage fehlt genau diese Aussage.
Denken Sie auch an die Innenräume beider Fahrzeuge. Ein verrutschter Sitz, ein ausgelöster Airbag oder Gegenstände, die durch den Aufprall geflogen sind, sagen etwas über die Wucht des Zusammenstoßes aus. Solche Aufnahmen wirken im ersten Moment unwichtig und sind bei einer späteren Rekonstruktion oft der Punkt, der eine Schilderung stützt.
Wenn eine Dashcam mitgelaufen ist, sichern Sie die Aufnahme noch am selben Tag auf einem zweiten Speicher. Viele Geräte überschreiben ältere Dateien automatisch, und dann ist die Aufzeichnung nach wenigen Fahrten verloren. Ob und in welchem Umfang eine solche Aufnahme verwertbar ist, entscheidet sich im Einzelfall und sollte anwaltlich geprüft werden.
Daten austauschen ohne Schuldanerkenntnis
Tauschen Sie Namen, Anschrift, Telefonnummer, Kennzeichen, Fahrzeugtyp sowie Versicherung und Versicherungsnummer aus. Ein Foto der Versichertenkarte und des Führerscheins ist schneller als jedes Aufschreiben und verhindert Zahlendreher.
Verzichten Sie darauf, an der Unfallstelle Aussagen zur Schuld zu machen oder Formulare zu unterschreiben, die eine Verantwortung festschreiben. Auch ein gut gemeintes Wort kann später gegen Sie verwendet werden. Die Klärung der Haftung ist Sache der Versicherer und gegebenenfalls der Gerichte, nicht der Beteiligten am Straßenrand.
Der europäische Unfallbericht
Ein vorbereiteter Unfallbericht im Handschuhfach hilft, weil er die richtigen Fragen stellt und nichts vergessen lässt. Er ist kein Schuldanerkenntnis, sondern eine gemeinsame Beschreibung des Hergangs. Füllen Sie ihn ruhig aus, achten Sie aber darauf, nur das einzutragen, was Sie tatsächlich beobachtet haben.
Bleibt der Verursacher unbekannt, etwa nach einem Parkremler, ändert sich das Vorgehen. Dann sollten Sie den Vorfall anzeigen und die Umgebung nach möglichen Kameras absuchen. Für den eigenen Schaden kommt in diesen Fällen die Kaskoversicherung in Betracht, sofern eine besteht. Ohne Anzeige wird die Regulierung deutlich schwieriger.
Achten Sie außerdem auf Ihre eigene Verfassung. Nach einem Zusammenstoß treten Beschwerden häufig erst Stunden später auf, besonders im Bereich der Halswirbelsäule. Wer sich unwohl fühlt, sollte einen Arzt aufsuchen und den zeitlichen Zusammenhang zum Unfall dokumentieren lassen, weil er sich später nur schwer herstellen lässt.
Halten Sie sich beim Ausfüllen an das, was Sie sicher wissen. Angaben wie geschätzte Geschwindigkeiten oder Abstände wirken hilfreich, sind aber selten belastbar und können später gegen Sie verwendet werden. Wenn Sie etwas nicht beobachtet haben, lassen Sie das Feld frei und vermerken Sie das ausdrücklich.
Ebenfalls sinnvoll ist eine kurze eigene Skizze der Endstellungen mit Fahrtrichtungen und Fahrbahnbreiten. Sie ersetzt keine Fotos, ergänzt sie aber gut, weil sie die Bewegung der Fahrzeuge zeigt, die ein Bild allein nicht wiedergeben kann. Beides gemeinsam ergibt eine Grundlage, mit der sich später sachlich arbeiten lässt.
Was danach kommt
Melden Sie den Schaden zeitnah, halten Sie sich aber mit Aussagen zu Beträgen zurück, solange keine Zahlen vorliegen. Lassen Sie das Fahrzeug begutachten, bevor Sie es reparieren lassen. Ist es nicht mehr fahrbereit, sollte es sicher abgestellt und der Standort dem Sachverständigen mitgeteilt werden.
Bei einem fremdverschuldeten Unfall wählen Sie den Kfz-Sachverständigen selbst aus. Ein kurzer Anruf noch am selben Tag klärt, wie dringend die Besichtigung ist und was Sie bis dahin nicht tun sollten. Das erspart die häufigsten Fehler in den ersten Tagen.
